Kann die Digitalisierung unser kulturelles Erbe schützen?

Vor 70 Jahren standen wir in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg vor der Frage des Wiederaufbaus und mussten Entscheidungen treffen, was wieder aufgebaut werden soll und was nicht. Dabei ging es nicht nur um ökonomische, sondern auch um ethische Entscheidungen. Auch heute noch stehen wir vor ähnlichen Fragen. 
Ein aktuelles Beispiel aus meiner Heimatstadt Nürnberg ist die Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Errichtet wurde das Bauwerk zwischen 1935-1937 als Aufmarschgelände mit Tribünenanlage durch Hitlers Architekt Albert Speer.

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Mittlerweile sind die Bauten marode und stehen vor dem Zerfall, wenn sie nicht baulich gesichert und instand gesetzt werden. Über die Frage des richtigen Umgangs mit den baulichen Relikten der NS-Zeit wird viel diskutiert. Sanierung, Rekonstruktion, Erhaltung oder kontrollierter Verfall – es gibt viele Ideen zum künftigen Umgang mit den Bauten.
Auf der einen Seite sind die Bauwerke geschichtlich belastet, auf der anderen Seite historisches Erbe. Der Nürnberger Stadtrat hat sich schlussendlich sowohl gegen die Restaurierung als auch gegen den Verfall entschieden und hat die langfristige Sicherung des Status Quo beschlossen. Ziel des Erhalts ist es künftigen Generationen die Chance zur Auseinandersetzung mit der NS Zeit zu geben und unsere Geschichte erfahrbar zu machen. Der Erhalt der Bauten auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände soll als authentischer Lernort der deutschen Geschichte und zur historisch-politischen Bildung dienen.

Auch wenn man bei der Zeppelintribüne nicht in gleicher Weise von Kulturgut sprechen kann wie etwa bei dem durch den IS zerstörten Triumphbogen in Palmyra, zeigt die Debatte um den Erhalt der Bauten Parallelen zur aktuellen Diskussion, um den Wiederaufbau zerstörter Kulturgüter in Syrien, in Teilen des Irak und im Jemen. Wir haben auch hier eine Verantwortung zur Bewahrung von kulturellem Menschheitserbe für nachfolgende Generationen. 



Wie bedeutsam unsere nationalen und internationalen Anstrengungen zum Kulturgüterschutz sind, macht die Zerstörung von Weltkulturerbe in den Konfliktregionen deutlich. Satellitenbilder zeigen, dass es hauptsächlich in den durch den IS eroberten Städten und Regionen Zerstörungen gibt, aber auch in den von PKK nahen Volksverteidigungseinheiten und dem Assad-Regime kontrollierten Gebieten. 
Der Feldzug der Extremisten gegen das kulturelle Erbe der Menschheit hat religiöse Gründe, dient dazu Angst und Schrecken zu verbreiten sowie zur Finanzierung des Terrors durch Raubgrabungen und illegalen Antikenhandel.
 Nach Einschätzung der UNESCO handelt es sich bei den Zerstörungen durch den IS um die systematischste Vernichtung von kulturellem Menschheitserbe seit dem zweiten Weltkrieg. Die Bilder der Zerstörungen von Ninive, Mossul und Palmyra vor Augen werden Rufe nach einer digitalen Rettung des Welterbes laut. Die Idee: bedrohte Kulturstätten in 3D einzuscannen, zu archivieren und als 3D Modell wieder aufzubauen. Das Deutsche Archäologische Institut leistet bei der digitalen Sicherung der Daten von Kulturgütern einen wichtigen Beitrag.

Neben praktischen Hindernissen bei der Datensicherung wie dem hohen Sicherheitsrisiko für diejenigen, die in den Krisenregionen 3D Daten der bedrohten Kulturgüter erheben, fehlenden Spezialisten und dem technischen Aufwand ein gesamtes Bauwerk detailliert und hochauflösend wiederzugeben, stellt sich auch hier die Frage ob, wie und wo ein Wiederaufbau überhaupt erstrebenswert ist. Welche Kulturgüter sollen rekonstruiert werden, welche nicht, wie und wo werden sie wieder aufgebaut? Ist die 3D Animation eine Alternative zur digitalen Bewahrung von Kulturgut? Wir müssen uns mit all diesen Fragen auseinandersetzten.

Auch wenn wir über die technischen Möglichkeiten für den originalgetreuen Wiederaufbau verfügen, bleiben es letztlich nur Nachbauten. Das historische Erbe des Originals ist unwiederbringlich verloren. Daher müssen wir alles daran setzten, die Zerstörung zu beenden. In unserer vermeintlichen Ohnmacht müssen wir vielleicht auch über Safe-Haven-Lösungen und Schutzorte nachdenken, an dem gefährdete Kulturgüter aus dem Ausland vorübergehend sicher aufbewahrt werden können. Und wir dürfen uns mit dem Handel von Raubgut und illegal ausgeführten Antiken nicht mitschuldig machen. Dies sicherzustellen, ist ein wichtiges Anliegen des neuen Kulturgutschutzgesetzes.

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www.dainst.org/-/dynamischer-wandel-in-der-ewigen-stadt

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