Flüchtlingslager für Anfänger

Die Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (AWZ) im Deutschen Bundestag, Dagmar G. Wöhrl, besuchte heute die beiden Flüchtlingszelte in der Deutschherrnstraße, um sich selbst ein Bild von der Lage der Flüchtlinge vor Ort zu machen:Beim Betreten eines Flüchtlingslagers bin ich immer angespannt: Zur Vorbereitung habe ich im Vorfeld die Informationen über das Lager schon durchgearbeitet, doch die Zahlen und Fakten sind abstrakt. Wenn man schließlich vor Ort ist und die Not, das Elend und die Hoffnungslosigkeit spürt, dann bemerkt man immer, was auch der beste Bericht nicht zu vermitteln mag: Die Realität.

Ich mache nun seit 2009 Entwicklungspolitik. Nach 15 Jahren Wirtschaftspolitik, wollte ich noch einmal etwas Neues wagen, mich in ein neues Themenfeld einarbeiten. Mit unserer Emanuel Wöhrl Stiftung hatte ich privat schon einige Erfahrungen mit Entwicklungsprojekten gesammelt. Dieses Wissen und meine Leidenschaft, sich in neue Sachverhalte einzuarbeiten, wollte ich nutzen.

Inzwischen bin ich seit 2009 Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (AWZ) im Deutschen Bundestag und beschäftige mich u.a. intensiv mit Flüchtlings-, Asyl-, und Migrationspolitik. Zu dieser Arbeit gehört es auch, sich die Situationen in Krisenländern vor Ort anzusehen. So war ich im größten Flüchtlingslager der Welt, Dadaab in Kenia mit über 200.000 Flüchtlingen oder in Zaatari in Jordanien oder in Port-au-Prince auf Haiti.

Wenig weltmeisterlich
Nun war es also wieder so weit: Ein weiterer Besuch eines Flüchtlingslagers stand in meinem Terminkalender. Die Umgebung um das Lager schien komischerweise vertraut und doch unwirtlich fremd. Als ich aber durch das Eingangstor trat, ähnelte es den Flüchtlingslagern in Afrika oder Südamerika. Sofort kamen Menschen mit neugierigen, aber auch traurigen Gesichtern auf mich zu: „Madam, Madam“. Ein kleiner Junge kickte mir gekonnt einen Fußball entgegen. Doch leider hatte ich weder das Fußballgen meines Vaters geerbt, noch konnte ich mit einem sonderlich weltmeisterlichen Schuss parieren. Der Ball zwirbelte sich kümmerlich zur Seite. Immerhin schien dies den Knirps zu erfreuen, denn er musste lachen und schüttelte nur den Kopf. Dann suchte er sich einen besseren Gegner. Auch die umstehenden Menschen mussten lachen. Die Stimmung war so gleich gelöst. Das Schöne am Lachen ist, dass es über allem erhaben ist: egal welches Alter, welche Religion, welches Geschlecht, welche Hautfarbe. Ein universeller Bindestoff, der Menschen zusammenbringt.

Do you know the Glubb?
Zunächst stand nun aber der offizielle Teil an, bei dem mir die Verantwortlichen das Camp zeigten. Es gab zwei großes Zelte, eines für Familien mit Kindern und Frauen, eines für alleinstehende Männer. Allerdings wunderte ich mich dann doch, zahlreiche Frauen in diesem Zelt zu sehen. Die Antwort kam schnell: Da sich über 20 verschiedene Nationen und Ethnien im Lager befinden, möchten manche Frauen lieber bei ihren Landsleuten schlafen, als in einem Zelt in dem auch der vermeintliche Erzfeind schläft. Man darf nicht vergessen, dass eine solche Flucht immer traumatisierend für die Betroffenen ist. Und bis aus Feinden Freunde werden, vergeht viel Zeit. Wir Deutsche wissen dies nur zu gut. Deshalb erkundigte ich mich nach der psychologischen und sozialen Betreuung vor Ort. Doch diese war leider nicht vorhanden und zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht geplant. Ein Verstoß gegen Mindestanforderungen an Flüchtlingslager.
Ich kam mit ein paar Jugendlichen ins Gespräch. Ich fragte, ob sie Fußball mögen. „Sure, Madam“  Da sah ich meine Chance gekommen: „Do you know German football clubs? Maybe the “Glubb”? That’s from my hometown Nuremberg.” „No, not really. But we know Bayern Munich.“ Ich wechselte das Thema.

Ich wollte nun wissen, wie alt sie waren und wo ihre Familien seien. Sie waren zwischen 14 und 17 Jahren und alleine im Camp, da ihre Familien zum Teil auf der Flucht gestorben sind. Einige Landsleute kümmern sich um die Jungs, die nun in einem fremden Land, mit einer fremden Kultur und mit einer fremden Sprache sind. Sie sind hier ganz alleine. Traumatisierte Jugendliche ohne soziale Betreuung – auch das ist ein Unding.

Die Diddlmaus
Im Familienzelt war viel Betrieb als ich kam und gleich wieder Platz machen musste, denn ein kleiner Junge war mit einem Roller unterwegs. Kinderroller haben immer Vorfahrt. Dies ist zwar keine internationale Norm. Dies weiß man aber als Mama. Ich ging durch die Bettreihen und schnell bildete sich auch hier eine große Menschentraube um meine Begleiter und mich. Ein kleines Mädchen kam mit einem großen Kuscheltier, welches sie tags zuvor vom Roten Kreuz bekommen hatte, auf mich zu. Bei näherem Blick fiel mir auf, dass es sich um eine in die Jahre gekommene „Diddlmaus“ handelte. Das kleine Mädchen erzählte mir mit strahlenden Augen etwas. Leider konnte ich sie nicht verstehen und so antwortete ich immer auf Englisch. Bis mir klar wurde, dass das Mädchen mich auch nicht verstehen kann. Aber letztlich war dies auch egal, wir unterhielten uns einfach weiter und spielten mit der Diddlmaus. Diese Situation war für mich als Politikerin letztlich gar nicht so ungewohnt. Denn irgendwie sprechen wir Politiker auch oft miteinander, ohne uns zu verstehen. Oder wir sprechen über einander, aber nicht miteinander. Oder wir sprechen miteinander und hören doch nicht zu. Auch meine Frage an die Verantwortlichen, ob es ein Kinderprogramm gäbe, wurde verneint.

Und das Leben war schon vorbei
Ein junger Mann erzählte mir von seiner Flucht aus Nigeria. Er habe nur überlebt, weil die Leichen seiner Eltern und Geschwister auf ihm lagen. Sie wurden von der Terrorgruppe Boko Harram hingerichtet. Warum seine Familie sterben musste kann er nicht verstehen. Statt gemeinsam ein neues Leben in Sicherheit beginnen zu können, fühlt es sich jetzt für ihn an, als wäre sein Leben schon vorbei.

Dann kam ich mit einem Ehepaar aus Afghanistan ins Gespräch. Der Mann berichtete mir, dass mit der Vertreibung der Taliban, die Hoffnung in ihr Dorf zurück gekommen sei. Ein neues Leben habe begonnen. Seine Frau ergriff meinen Arm und erzählte mir, sie werde nie vergessen, als sie das erste Mal einen bunten Schleier tragen konnte. Mit dem Rückzug der Nato-Truppen, verschwand auch langsam die Hoffnung wieder. Zur alten Lebensweise konnten und wollten sie nicht mehr zurück. Deshalb sind sie jetzt hier. Sie trugen kunterbunte Kleidung.

2 Mal Lunchpaket pro Tag, bitte!
Immer wieder sprachen mich Flüchtlinge an, dass sie Hunger hätten und nur einmal am Tag etwas zu essen bekämen. Verwundert wandte ich mich auch mit dieser Frage an die Verantwortlichen. Es sei so, dass es eine warme Mahlzeit um 17 Uhr gäbe. Mit diesem Essen würde jeder Flüchtling auch zwei „Lunchboxes“ bekommen. Eine mit dem Frühstück für den nächsten Morgen und eine mit dem Mittagessen für den nächsten Tag. Allerdings würden die meisten Flüchtlinge die Lunchboxen in der Nacht essen. Sie hätten es auch schon oft versucht, zu erklären, wie das ausgetüftelte Verpflegungsprogramm funktioniere. Aber nichts würde helfen.

Also, probierte ich es auch noch einmal. Daraufhin antwortete mir eine schwangere Frau: „Madam, we know, we shouldn’t eat it. But if you lived without food for a week. You eat your food when you have it because you never know when you will find something to eat the next time.” Ja, was antwortet man darauf. Richtig. Nichts.

Während meines Besuchs wurde mir dann klar, dass das Thema Essensausgabe doch ein Kommunikationsproblem ist. Denn zum einen sind die Flüchtlinge meist nur einige Tage in der Erstaufnahmestelle, bevor sie in die nächste Station verlagert werden. Sie sind also die Abläufe vor Ort nicht gewöhnt. Zum anderen verstehen viele Flüchtlinge kein Englisch und wenn ihnen nicht zufällig jemand übersetzen kann, was ihnen gesagt wird, wenn sie die „Lunchboxen“ erhalten, können sie es auch nicht wissen. Ich sprach dies noch einmal bei den Verantwortlichen an und fragte, da das System offensichtlich nicht funktioniere, ob man daran nicht etwas ändern könne. Die Antwort fiel zwar länger aus, aber letztlich bedeutete sie: Nein.

Keine Ärzte, aber Grenzen
Zum Schluss meines Besuches wollte ich noch den zuständigen Arzt sprechen, um mich über die aktuelle Gesundheitslage im Lager zu informieren. Aber leider gibt es keinen. Ich wollte dann mit dem Koordinator für das Flüchtlingslager sprechen, wie denn auf diese Weise die Gesundheit der Flüchtlinge sicher gestellt werden kann. Einige Flüchtlinge seien ja offensichtlich krank, andere verletzt oder erschöpft von der Flucht. Viele Kinder schienen sich ohne feste Schuhe unterkühlt zu haben und litten nun an einer Erkältung. Aber leider gibt es auch nicht wirklich einen Koordinator. Es gibt auch kein Büro oder eine zentrale Anlaufstelle an die sich die Flüchtlinge wenden könnten, wenn sie Fragen haben oder es einen Notfall gibt. Nichts. Ich fragte noch einmal, wie dies denn ginge. Ja, die Flüchtlinge würden sich an die Sicherheitsleute wenden und diese würde sie dann beispielsweise zu einem Arzt außerhalb des Lagers bringen.
Also, sprach ich noch mit den privaten Sicherheitsleuten. Zwei Mann für 300 Personen. Die beiden schienen nicht nur wegen ihrer hünenhaften Gestalt, die einzigen zu sein, die einen Überblick im Lager hatten. Sie erzählten mir, was sie alles erlebten, welche Erfolge und Rückschläge es gegeben habe. Ich war froh, dass diese beiden Kerle im Lager waren. Nachdem in dieser Zeltstadt offensichtlich nicht viel funktioniert, aber jeder praktische Änderungsvorschlag an bürokratischen Hürden zu scheitern drohte, fand ich doch noch einen eklatanten Fehler. Nach ihrer Berufsbeschreibung sind die beiden Männer Sicherheitspersonal. Doch wenn überhaupt, sind sie dies nur nebenberuflich, denn hauptamtlich sind sie Seelsorger, Krankenpfleger, Psychologen, Mädchen-für-alles und Spielkameraden. Zum Schluss meinten die beiden noch zu mir, dass das einzig Gute wäre, dass hier 24 Stunden am Tag Sicherheitspersonen vor Ort seien. Denn im Nachbarlager gäbe es abends keine Securities. Ich fragte, wer denn dann da sei? Hmm.

Sie fragen sich sicherlich in welches exotische Land es mich dieses Mal verschlagen hat? Nun ja. Ich musste für diese Reise keine Koffer packen und keine lange Strecke auf mich nehmen. Ich war in meinem Wahlkreis. In meiner Heimatstadt Nürnberg. Im Freistaat Bayern. In der Bundesrepublik Deutschland. In der Europäischen Union. Im Jahr 2014.
Und ich habe mich geschämt.

8 Gedanken zu „Flüchtlingslager für Anfänger

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  2. Brit

    Sehr geehrte Frau Wöhrl, es ist ja schon mal positiv, daß Sie sich das Lager persönlich angeschaut haben.
    Aber es kann doch nicht angehen, daß es keine Ansprechpartner für die Flüchtlinge gibt und auch keine ärztliche Betreuung. In einem so reichen Bundesland wie Bayern muß das doch organisiert werden können. Seit einem Jahr ist das Lager überfüllt und die Politiker reden alle nur. Es ändert sich nichts vor Ort. Ich bringe selbst Spenden in das Lager nach Zirndorf – und verteile direkt an die Flüchtlinge. Die Kleiderkammer ist ein Witz. Die Damen sind völlig überfordert. Und wo bittschön ist das BRK (Bay.RoteKreuz) – wo ist die angebliche Hilfe von Denen. Die sammeln Spenden ein und verkaufen die Kleiderspenden in der Sulzbacher Straße. Was hier los ist, ist einfach nicht zu fassen. Herzl. Grüße Brit Prashar

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  3. Horst Lorenz

    Horst, Sept. 2014

    Sehr geehrte Frau Wöhrl,
    vielen Dank, dass Sie einmal die Situation der Flüchtlinge in Bayern schildern. Ich selbst war vor 70 Jahren auch einmal ein deutscher Flüchtling aus dem Sudetenland. Wir hatten damals das Glück, dass wir Hessen kamen und nicht wie meine Onkel und Tanten nach Bayern. Hier wurden wir nicht in Lager oder auf kalten Burgen (z.B. die Plassenburg in Kulmbach) eingepfercht, sondern im gesamten Land in Gruppen und in den Dörfern verteilt. Jedes Dorf und jede Kleinstadt mußte ein gewisses Kontingent von Flüchtlingen aufnehmen. Der Bürgermeister wurde für die Verteilung der Flüchlinge veranwortlich gemacht. Ich war damals 7 Jahre alt und meine Schwester 2 Jahre, wir standen mit meiner Mutter mit 2 Koffern als letzte auf dem Dorfplatz. Keiner wollte uns haben, die Familien mit den wenigen Männern wurden damals von den Bauern bevorzugt. Aber am Ende nahm uns die Frau des Bürgermeisters bei sich auf. Wir fuhren stolz mit einem Ochsenwagen durchs Dorf. Nach einiger Zeit waren alle Flüchtlinge in der Gemeinde integriert.
    Ich erzähle diese kleine Geschichte nur, dass es mit gutem Willen und ein bisschen Zwang möglich ist, diese Leute alle unterzubringen. Es sind doch keine Diebe und Verbrecher, sondern Menschen wie Du und Ich.
    Als erste Maßnahme würde ich Gemeindeangestellte und Beamte einsetzen, um einmal in der Woche sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Dann würde ich das Verteilsystem ändern, sodass auch Flüchtlinge in den Dörfern aufgenommen werden müssen, damit im Land keine Gettos entstehen.
    Es stehen doch genug Wohnungen frei. Es liegt doch nur an den Politikern, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Dafür kann man auch Gesetze ändern.

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  5. Uwe

    Liebe Frau Wöhrl,

    vielen Dank für diesen Bericht, der ratlos macht. Ja, wir müssen helfen. Aber wie sollen wir Schicksal spielen, wo das Elend der Welt von uns nicht beseitigt werden kann?

    Gruß Uwe

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  6. Horst Lorenz

    Sehr geehrte Frau Wöhrl,
    es tut mir sehr leid, daß Sie für Ihr Engagement wegen des Flüchtlingsproblems in Deutschland von einigen dummen Menschen angegriffen und beleidigt wurden. Die meisten Mitbürger haben in Ihrem leben noch nichts erlebt. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie Menschen leiden, wenn man Haus und Hof verliert und seine Heimat verlassen muß. Leider hat sich in den letzten Jahren eine gewisse Kälte in Deutschland breit gemacht. Jeder denkt nur noch an sich. Das Gemeinschaftsgefühl ist total verloren gegangen. Ich freue mich deshalb, daß es noch Politiker wie Sie gibt, die sich für andere einsetzen. Lassen Sie sich nicht beirren, machen Sie weiter so.

    Mit freundlichen Grüßen
    Horst Lorenz

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