Meine Auszeit von #Twitterland – Warum Twitter mehr ist als eine toxische Mischung aus Hysterie, Häme, Hetze und Hass

error buttonIm Jahr 2009 hat das bei mir mit dem „Zwitschern“ angefangen – Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Damit war ich als deutsche Politikerin früh dabei, besonders wenn man meine Rahmendaten beachtet: CSU, Ü60 bzw. damals Ü50, Bundestagsabgeordnete. Für viele ist dies eine Mischung, die auf alles schließen lässt, aber nicht auf digitale Neugierde. Selbstredend war ich zunächst auch skeptisch, habe mich aber zunehmend in meine Rolle als aktive Silver Surferin hineingefunden.

Twitter ist keine kommunikative Einbahnstraße

Twitter und vor allem die Menschen, die dieses Netzwerk bilden, haben mein Verständnis von Politik und Kommunikation zwischen Bürgern und Politikern grundlegend verändert. Ich durfte interessante Gedanken mit Menschen austauschen, denen ich ansonsten nie begegnet wäre. Menschen wurden Teil von meinem Leben, die ich noch nie persönlich – im real life – getroffen hatte. Ich habe „digitalen Kaffee“ mit Menschen von Bayern bis Bremen und vom Saarland bis Sachsen getrunken. Aber vor allem war und ist Twitter keine kommunikative Einbahnstraße. Auch wenn einige Kollegen den Dienst immer noch nur zum Absetzen von Pressemitteilungen nutzen, so ist doch der eigentlich Mehrwert der intensive Austausch zwischen den Usern. Natürlich gibt es auch hier die üblichen politischen Grabenkämpfe: @Volker_Beck vs. @SteinbachErika, @alle gegen @SteinbachErika. @peteraltmaier schafft es, bei all seinem Arbeitspensum, immer noch regelmäßig zu Allem Stellung zu beziehen und @FraukePetry schießt (noch lediglich) digital zurück. Für mich viel interessanter sind aber die Diskussionen über Partei-, Fraktions-, und Ideologiegrenzen hinweg. Hinter den politischen Schaukämpfen stecken ja immerhin noch Menschen. Mit den einen kann man gut. Mit den anderen weniger. Aber dies muss häufig eben auch nicht entlang von Parteimitgliedschaften laufen.

Das Dauershitgewitter

Im letzten Jahr hat sich die Stimmung im Netz leider verändert und auch Twitter blieb davon nicht verschont. Es wurde dunkel in Twitterland. Langsam wurden die Tweets radikaler, Grenzen wurden ausgelotet und sukzessive verschoben. Aus Nadelstichen wurden Shitstorms und schließlich herrschte ein „Dauershitgewitter“. Aber Twitter und andere soziale Medien sind mehr als eine toxische Mischung aus Hysterie, Häme, Hetze und Hass.

Wenn ich früher als Erstes am Morgen und als Letztes am Abend in meine Twitter-App geschaut hatte, so stieg langsam, von Woche zu Woche ein unangenehmes Gefühl in mir auf und immer öfter habe ich die App nicht mehr geöffnet. Die allseits im Netz herrschende Monothematik wurde für mich zu einer unerträglichen Monotonie. Statt über den Tellerrand zu blicken, wurde das Denken bei vielen gerade eben an diesem Tellerrand eingestellt. So kam es zu einer schleichenden Entfremdung. Von der Silver Surferin blieb nur noch das „Silver“, was letztlich aber auch nur ein Euphemismus für „grau“ ist.

Mehr oder weniger bewusst, habe ich mich komplett von Twitter zurückgezogen. Die Kommentarkämpfe auf Facebook haben meine zeitlichen Ressourcen schlicht aufgefressen.

Das ist auch mein Netzwerk

Aber am letzten Wochenende stach mir auf einmal wieder meine Twitter-App ins Auge. Von meinen Favoriten hatte sie einen rasanten Absturz auf die hinteren Seiten meines Smartphones gemacht.  Neugierig begann ich durch meine Timeline zu scrollen und zu schauen, was denn hier so los ist. Hier in diesem Netz. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, als ich die mir so vertrauten Avatare wieder sah, ohne oftmals die dahinter stehenden Menschen persönlich zu kennen. Die Finger zuckten zum ersten Retweet seit Wochen und mir wurde klar: nun stehe ich hier und kann nicht anders!
Das ist auch mein Twitter. Das ist auch mein Netzwerk. Es liegt auch an mir, was ich daraus mache.
Denn die andere Konsequenz, der komplette Ausstieg aus Twitter, wäre meiner Meinung nach nicht das richtige Signal: Nicht für die düstere Stimmung in den sozialen Medien, nicht für die Shitstorm-Schreispirale und auch nicht für die verbleibenden „Krieger des Lichts“. Man darf diesem Mob das Netz und die vermeintliche Deutungshoheit ebenso wenig überlassen, wie den Kardashians dieser Welt.

Gerade in turbulenten Zeiten gilt es den Kurs zu halten. Als Entwicklungspolitikerin weiß ich, wie schwierig es ist, langfristige politische Lösungen und Ansätze zu vermitteln – den Bürgern, aber gleichsam auch den Medien. Das Interesse an einfachen Lösungen und noch einfacher zitierbaren Sätzen ist meist größer als die Geduld, sich mit komplexen Konzepten auseinanderzusetzen. Zu verlockend scheint es immer noch zu sein, unsere grenzenlose Gedankenwelt auf nationale Grenzen zu beengen. So funktioniert unsere Welt aber nicht. Im Übrigen hat sie so auch noch nie funktioniert. Gerade in der Flüchtlingsfrage müssen wir an der Lösung von Problemen arbeiten, nicht an der hysterischen Beschreibung derselben. Lasst uns also Horizonte näher entdecken!

Dies waren nun mehr als 140 Zeichen. Es waren um genau zu sein 766 Wörter.

Jedes Einzelne habe ich mir von der Seele geschrieben.

#backtowork 

2 Gedanken zu „Meine Auszeit von #Twitterland – Warum Twitter mehr ist als eine toxische Mischung aus Hysterie, Häme, Hetze und Hass

  1. Johannisbear

    …und genau für sowas danke ich Ihnen und bin froh, dass Sie zurück sind.

    (hätte ich auch in einen Tweet fassen können, wollte ich aber nicht #ausgruenden) 😉

  2. Pingback: Warum Dagmar Wöhrl zu Twitter zurückkehrte – 21.03.2016, Nordbayerischer Kurier › Dagmar G. Wöhrl

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