Dorothee Bär: Faust zwischen den Legislaturen – Ein „Verweile doch“ darf es nicht geben.

Dorothee Bär Gastbeitrag Dagmar Wöhrl Wide Web BlogDas Ende einer Legislaturperiode ist immer ein Einschnitt. Und ein Einschnitt ist immer mit einem Innehalten verbunden: Man blickt zurück, man zieht Bilanz. Man erinnert sich an spannende Ereignisse, Begegnungen, Erlebnisse, Sitzungen und Debatten.

So geht es einem auch jetzt. Und doch ist diesmal vieles anders. Diesmal stellt sich nicht so sehr das Gefühl ein, am Ende einer Periode zu sein, seine Arbeit getan zu haben und bei den Menschen nun dafür zu werben, sie auch in der nächsten Periode vertreten zu dürfen. Diesmal ist es nicht wie ein Atemholen und das zufriedenen Gefühl, ein spannendes Kapitel eines aufregenden Buches gelesen zu haben, die Buchdeckel kurz zusammenzuschlagen und sich auf das Weiterlesen zu einem späteren Zeitpunkt – auf das nächste Kapitel – zu freuen.  

Diesmal ist es mehr ein Gefühl des „Wir sind mitten in etwas ganz Großem“, wir befinden uns mitten in einer Veränderung, von der wir bereits jetzt wissen, dass sie viele viele Seiten der Geschichtsbücher einnehmen wird, die unsere Kinder und Kindeskinder (vermutlich nicht mehr auf Papier) lesen oder wie auch immer aufnehmen werden: Wir befinden uns gerade in einer gesellschaftlichen Revolution von einem Ausmaß, das Mitzuerleben vermutlich nicht vielen Generationen vergönnt ist.

Durch die Digitalisierung haben sich Fragestellungen ergeben, die sich mit der Kategorie „Systemrelevanz“ längst nicht mehr ausreichend bewerten lassen. Es geht plötzlich nicht mehr nur um Konsumgewohnheiten, Kommunikationsmöglichkeiten, ökonomische Potentiale oder kulturelle Horizontveränderungen. Es geht um das ganz Grundsätzliche: um die Definition einer Gesellschaft, um die Frage, nach welchem Selbstverständnis sich diese zusammensetzt.

Dazu haben wir als Politikerinnen, aber auch als Teil einer internetaffinen Gesellschaftsgruppe zwei ganz wesentliche Aufgaben: Wir müssen die Digitalisierung versuchen zu verstehen und wir müssen versuchen, anderen dieses Verständnis weiterzugeben.

Die großen Schlagwörter sind bekannt: Datenschutz, Industrie 3.0 oder 4.0, Social Media, Medienkompetenz, Urheberrecht und vieles mehr. Aber was genau verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Man verrät kein Geheimnis, wenn man sagt, dass eine veränderte Kommunikation nicht mehr bedeutet, dass man kostenlos mit alten Schulfreunden von überall auf der Welt in Schrift, Ton und Bild in Kontakt treten oder dass man seine schönsten Kochrezepte der breiten Öffentlichkeit mitteilen kann, ohne zum Briefkasten gehen zu müssen, der sich ohnehin schon kaum mehr an der berühmten nächsten Ecke befindet.

Neue Kommunikation bedeutet heute, dass eine vermeintlich kleine Gruppe von Menschen einen gesellschaftlichen und medialen Diskurs heraufbeschwören kann, der über Wochen Gemüter erhitzt und kulturelle Schablonen verschiebt, wie es bisher nur innerhalb der Feuilletons möglich war. Natürlich spiele ich hiermit auch und gerade auf die symptomatische #Aufschrei – Debatte an, die meines Erachtens völlig zurecht mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.

An eben dieser Stelle, in diesem Blog, zudem ich hiermit auch meinen Teil beisteuern darf, sieht man auch, was ich meine, wenn ich von „Verstehen“ spreche: Eine Politikerin des Jahres 2013 ist ebenso inhaltlicher wie persönlicher Kritik ausgesetzt wie eine Politikerin in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Aber die Art und Weise, wie diese Kritik heute vorgebracht wird, die Vehemenz und die Wege, die diese Kritik nimmt, haben sich verändert.

Man kann dies wiederum kritisieren, sich über den rüden Umgangston beklagen und unvermeidlich in einen (vielleicht auch gar nicht beabsichtigten) „Früher-War-Alles-Besser“-Habitus verfallen. Man kann sich dieser Entwicklung aber auch annehmen und versuchen, die Herausforderung eines Kommunikationsmodells, das keine Filter mehr kennt, anzunehmen. Nicht der Pressesprecher verkündet, sondern man selbst erklärt.

Und wenn man das verstanden hat, dann hat man auch verstanden, dass die Gesellschaft nicht etwa verroht oder sämtliche Umgangsformen verliert, sondern dass sich durch die Digitalisierung nur neue Ventile gebildet haben, deren Öffnung heute leichter fällt als früher.

Wenn es einem schwer fällt mit dem Verständnis, dann wird man vermutlich versuchen, Wege zu finden, diese Ventile zu versiegeln, auf dass sie nie geöffnet werden. Dass sich dadurch der Druck bis hin zur irreparablen Explosion erhöhen kann, ist eine physikalische wie gesellschaftswissenschaftliche Binsenweisheit.

Hier wurde Dagmar Wöhrl von Dorothee Bär gezwungen, sich mit einem Bayern- Schal fotografieren zu lassen.

Hier wurde Dagmar Wöhrl von Dorothee Bär gezwungen, sich mit einem Bayern- Schal fotografieren zu lassen.

Versucht man dagegen, sich ernsthaft mit dem Wesen einer digitalen Gesellschaft auseinanderzusetzen, dann erkennt man, dass Ventil nicht gleich Ventil ist. Dass es neben WUT-Ventilen eine mindestens ebenso große Anzahl an MUT-Ventilen gibt, die Menschen die Möglichkeit gibt, Ängste, Sorgen und persönliche Lasten loszuwerden und damit Schutz und Mitgefühl, im besten Fall auch Zuspruch und Hilfe in einer hyperrezeptiven Öffentlichkeit zu finden.

Und so bedeutet eine Kultur des Teilens eben nicht nur eine Teilhabe an den Ess- und Schlafgewohnheiten völlig fremder Menschen, sondern auch eine Teilhabe an Freude, Trauer, Wohlbefinden und Leid – eine Intensivierung des ursolidarischen Mottos „Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude“.

Das digitale Zeitalter ist ein Zeitalter der Didaktik und stellt uns vor Gewissensentscheidungen, die in ihrer politischen und gesellschaftlichen Brisanz den Weichenstellungen vergangener Jahrhunderte nicht im Geringsten nachstehen. Eine Frage steht dabei gerade jetzt im Mittelpunkt der Diskussion und trägt zu eben jenem Gefühl der Unabgeschlossenheit bei, mit der ich diese letzten Wochen dieser ganz besonderen Legislaturperiode versucht habe zu beschreiben:

Die Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. Sie hat sich durch die Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten zu einer vielleicht alles entscheidenden Frage nach dem Baukasten einer Gesellschaft im digitalen Zeitalter entwickelt. Es geht hier nicht um die Entscheidung, ob man sich einen Twitteraccount zulegen soll und welchen Sinn es hat, mit jemandem auf Facebook befreundet zu sein. Es geht darum, Werte und Regeln neu zu justieren, uns selbst die Grundsatzfrage, die Gretchenfrage einer modernen Gesellschaft zu stellen, frei nach Faust: Wie halten wir es mit der Kommunikation?

Und ein einfaches „Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut“, wie sie der Protagonist Goethes äußert, reicht hier nicht aus, weil das Urvertrauen der Menschen in Staat und Politik, von dem hier ausgegangen werden müsste, längst nicht (mehr) gegeben ist. Wir müssen uns den Fragen stellen.

Und so wie Faust seinem Gretchen sagt: „Magst Priester oder Weise fragen,/ Und ihre Antwort scheint nur Spott / Über den Frager zu sein“, so ist es heute häufig in den Debatten so, dass die eine Seite die Bedenken und Argumente der anderen Seite nicht nur nicht beachtet, sondern sie oftmals verhöhnt und sie entweder marginalisiert oder als Meme zum Zwecke der Belustigung unter ihresgleichen verbreitet.

Und so leben in der Tat zwei Seelen in der Brust unserer Gesellschaft: Das Streben nach grenzenloser Freiheit und die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit.

Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, dann müssen wir es schaffen, diese beiden Seelen zu vereinen, ohne uns dabei dem Teufel zu verschreiben. Und so wie in Fausts Wette dürfen wir uns in diesem Gestaltungsprozess nicht der Bequemlichkeit hingeben, weil es gerade in heutiger Zeit des schnellen Wandels ein „Verweile doch, Du bist so schön“ nicht geben kann.

Um aus der Literatur wieder in die Realpolitik zurückzufinden, muss es unsere Aufgabe sein, unseren Bürgerinnen und Bürgern eben jenes Maß an Vertrauen und Sicherheit zu bieten, das sich aus verantwortungsvoller politischer Alltagsarbeit, gesetzgeberischem Feingefühl und einem hohen Maß an Eigenverantwortung zusammensetzt.

Ja, wir haben viel erreicht. Lasst uns die Buchdeckel nicht schließen, sondern lasst sie geöffnet. Lesen wir das Buch der digitalen Gesellschaft nicht nur aufmerksam, sondern schreiben wir es mit!

Gemeinsam und für alle verständlich.

Dorothee Bär, MdB
Gastbeitrag, 16. Juli 2013
www.dorothee-baer.de

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