Jürgen Decke: Wir brauchen ein Wunder

Jürgen Decke Schauspieler, Regisseur, und Coach Zur Zeit Künstlerischer Leiter am Theater Pfütze, Nürnberg Gastbeitrag, 11. September 2013 www.emanuel-woehrl-stiftung.de„Die Welt ist nicht in Ordnung! Wir brauchen ein Wunder. Den Gral! Der Gral ist weg, also wird es kein Wunder geben. Wer findet den Gral? Die ihn gesucht haben, sind alle nicht zurück gekommen. Jetzt geht keiner mehr!“ (König Artus in „Parzival. Ritter. Ritter. Ritter“, von Horst Hawemann, 2004)

Ich gehöre, bekennend, zur Generation der „Weltverbesserer“, derer die etwas verändern wollen, die etwas voranbringen wollen und bin nach wie vor davon überzeugt, dass jeder Einzelne von uns etwas zur Verbesserung der Welt, zum Wohle aller, beitragen kann und auch die Aufgabe hat, dies zu tun. Würden viele danach handeln oder gar die Meisten, dann könnten die sprichwörtlichen Berge versetzt werden. Dann geschehen Wunder.

Besonders wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang jedoch, dass jeder seinen eigenen, persönlichen „Gral“ findet, also dass sich jeder ins Zeug legt, das Beste aus seinen Talenten zu machen, d.h. seinen Weg für das eigene Leben zu finden und sich dem Leben und seinen Herausforderungen zu stellen. Hört sich relativ einfach an, ist es aber für viele von uns nicht, denn das Leben verlangt von uns Entscheidungen darüber, was richtig oder falsch ist, und schon gar nicht wird es ohne Zweifel und Verirrungen oder Verleitungen (bisweilen auch Umleitungen) von statten gehen.

Die alten, simpel anmutenden Fragen: Wer bin ich? Was tue ich hier? Warum? gehören zu den wichtigsten, die wir uns immer wieder stellen sollten, um unserem ‚Selbst sein‘ auf der Spur zu bleiben. Man ‚Selbst sein‘ ist aber nicht mit der übersteigerten Ichbezogenheit zeitgeistiger Selbstverwirklichungsfantasien zu verwechseln. Selbst sein ist etwas qualitativ anderes als Ich sein. Wobei beides miteinander im Zusammenspiel steht. So braucht es z.B. immer wieder die Kraft des Ichs, um das Selbst zum Klingen zu bringen.

„…; er hatte etwas anderes im Sinn, etwas, was alles umspannen sollte, und er konnte es nicht mit Worten sagen, sondern nur dadurch, dass er lebte, wie er gelebt hat. Nur weil er so unerbittlich er selbst war, wie er es bis zum Tode gewesen ist, konnte er allen Menschen etwas geben.“ („Der Baron auf den Bäumen“, Italo Calvino, 1957)

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Ich bin überzeugt, dass wir nicht früh genug damit anfangen können, unseren Kindern Mut zu machen, ihren eigenen Lebensweg zu finden und damit auch eigen zu sein. Den Weg unserer Kinder begleiten wir Erwachsene im Idealfall mit Liebe, Vertrauen und genügend Zeit. Wir schaffen den nötigen Schutzraum, sind dabei wichtige Vorbilder, um grundlegende Lebenseinstellungen und Wertvorstellungen vorzuleben. Die materielle Ausstattung unserer Wohlstandsgesellschaft, sollte uns eigentlich in die Lage versetzen, sich ausgiebig der persönlichen und gesellschaftlichen Verfeinerung zu widmen. Fern von Ängsten über fehlendes Dach oder Nahrung.

Vor diesem Hintergrund, finde ich es sehr wichtig, dass wir uns die Frage nach der Definition von Wachstum, von Reichtum, reich sein, von Wohlstand, Lebensqualität und Lebensfreude neu beantworten. In diesen Fragen müssen wir uns neu erfinden und es wagen Visionen einer neu ausgerichteten Zivilisation zuzulassen. Hierzu sind wir alle aufgerufen.

Meine Befürchtung ist, dass wir uns zu wenig darauf einlassen und uns die Zeit dafür nicht nehmen, weil es Veränderung bedeutet in einer Welt, die sich sowieso schon immer schneller zu drehen scheint. Und wenn alles immer schneller wird, dann will man nicht auch noch große Veränderungen. Die politisch aktiven Menschen könnten durch ihre  Ämter einen wesentlichen Teil zur Erneuerung beitragen, sollte man meinen. Doch sie scheinen mir immer mehr im tagesgeschäftlichen Hamsterrad zu stecken. Wenn kein Wahlkampf ist, dann wartet schon die nächste Krise oder der nächste Skandal und die nächste Stellungnahme oder alles gleichzeitig, und und und. . .

Die wenigen Pausen werden dringend für die persönliche Regeneration benötigt und schon geht es weiter. Wer hat da noch Zeit für Besinnung und Rückzug, um an die Kraftquellen der Erneuerung heranzukommen?

Und wo bleibt die Kraft der Jugend?
Was ist mit den Künstlern, den Musikern und Literaten, den Philosophen, Wissenschaftlern und Gelehrten?
Wer weckt uns aus dem Dornröschenschlaf?
Wer schenkt uns den neuen, frischen Blick auf die Dinge?
Wer geht los und sucht nach dem „Gral“?

Ja, wir brauchen ein Wunder und den Mut dazu, dann kann es möglich werden.

Jürgen Decke
Schauspieler, Regisseur, und Coach
Zur Zeit  Künstlerischer Leiter am Theater Pfütze, Nürnberg
Gastbeitrag, 11. September 2013
www.emanuel-woehrl-stiftung.de

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