Dr. Peter Ramsauer: Über zwei Welten.

Dr. Peter Ramsauer„Zwei Welten prallen aufeinander.“ So sagen manche, wenn es um Vergleiche zwischen Politik und Musik geht. Da mag etwas dran sein. Aber so falsch oder richtig diese These ist, so falsch oder richtig ist die Annahme, innerhalb der „Politik“ und innerhalb der „Musik“ ginge es jeweils homogen und harmonisch zu. Dass innerhalb der Politik oft Welten aufeinander prallen, ist durchaus evident. Denn kein Ringen und Streiten wird in unserer Gesellschaft auf so offener Bühne ausgetragen wie der politische Streit.

Was für die Musik zunächst einmal nicht vermutet wird. Schon, dass Musikkritiker und Feuilletonisten sich bisweilen die Feder zerfetzen und kein gutes Haar an reproduzierenden Musikern, Dirigenten oder Solisten etwa, lassen können. Und sei es nur , um solchen den Ruhm abzugraben oder vorzuenthalten ,den zu erlangen ihnen selbst vielleicht mangels Begabung oder Fleiß für ein Instrument versagt blieb. Doch ansonsten, vermutet nicht nur der Laie, sei doch durch Partitur, Libretto, Regieanweisungen usw. des Komponisten alles weitgehend klar…

Weit gefehlt !

Wer Zeuge werden will, wie sehr die Welten aufeinander prallen können, braucht sich derzeit nur auf den Grünen Hügel in Bayreuth zu begeben oder sich Beethoven-Sonaten einmal von Friedrich Gulda und dann von Wolfgang Brendel anzuhören.

Einen regelrechten – frei nach Huntington – „Clash of Civilizations“ erlebt seit letztem Jahr, wer sich bei den Bayreuther Festspielen durch den von Sebastian Baumgarten inszenierten „Tannhäuser“ müht. Der „Sängerkrieg auf Wartburg“ gerät zum fulminanten Krach zwischen einem exzentrischen Regisseur einerseits und einem selbstbewussten, wagnerianischen Idealen nachhängenden Publikum andererseits, das sich eine derartige Zwangstransplantation in eine Vergasungsfabrik schlicht und einfach nicht mehr gefallen lässt und dies mit langem Buh-Fortissimo kundtut; was wiederum vom Regisseur mit verächtlich-besserwisserischem Grinsen bei den beiden Vorhängen am Ende quittiert wird. Und was mit Jonathan Meeses „Parsifal“ in drei Jahren heute schon zu befürchten steht, lässt nichts Besseres erwarten.

Was würde Richard Wagner zu all dem sagen? „Nicht meine Welt“ vermutlich. Oder er würde sich mit „Wahn, Wahn, überall Wahn“ selbst zitieren. Was auf der Stelle gute Erinnerungen hervorruft an die früheren, schönen Inszenierungen der diesbezüglichen Gassenschlägerei in den Meistersingern. Nur gut, dass nicht einmal die schlimmsten inszenatorischen Gräueltaten der unendlich großartigen Musik Richard Wagners etwas anhaben können.

Geduld, Zielstrebigkeit, Selbstdisziplin

Nimmt man sich aber beide Welten zusammen vor, wenn man den politischen wie den musikalischen Kosmos selbst seit Jahrzehnten durchschreitet, so gibt es eine Fülle von Gemeinsamkeiten. Etwa bei der Frage des Anforderungsprofils, wenn man es hier wie da zu etwas bringen will.

Peter-Ramsauer-Dagmar-WoehrlWas scheinbar (!) so leicht daher kommt, wenn man einen Konzertpianisten auf der Bühne in Aktion erlebt oder einen Spitzenpolitiker, der vor großem Publikum spricht: Hier gilt, was unsere altphilologischen Lehrer schon in der Schule gepredigt haben: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Wer es an seinem Instrument zu mehr als Mittelmaß bringen will, für den heißt es üben, üben und nochmal üben; stundenlang täglich, an jedem Tag des Jahres. Verzicht auf Vieles, verbissene Leidenschaft, begeisterte Besessenheit, Geduld, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Selbstdisziplin.

All das braucht kompromisslos – neben maximalem musikalischen Talent als Grundvoraussetzung – wer etwa als Instrumentalsolist, Konzertpianist etwa, die Leiter zum international gefeierten Bühnen- und Konzertstar erklimmen will. Denn die Konkurrenz ist unerbittlich. „Mehr als Eins zu Tausend“, antwortete mir neulich der Rektor einer hoch renommierten Musikhochschule auf meine Frage, wie er denn das Verhältnis einschätze zwischen Konzertpianisten, die zu weltweitem, einträglichen Ruhm gelangen und der Gesamtzahl aller (allesamt guten) konzertpianistischen Meisterklassenabsolventen. Gleichwohl gilt: Die Musik erstattet alle Mühen und Plagen um ein Vielfaches durch tief empfundene Freude zurück…

Ohne diese Tugenden kommt auch niemand aus, der es in der Welt der Politik zu Spitzenleistungen, Anerkennung, Erfolg bringen will, und damit auch zu oft erbitterter Kritik und Angegriffenwerdens. Denn auch Letzteres, wie auch den sprichwörtlichen „Neid“, muss man sich im politischen Geschäft hart erarbeiten.

Solist und Mannschaftsspieler

Und noch etwas braucht man da wie dort: Man muss Solistenrollen ebenso beherrschen wie das Spiel in der Mannschaft. Wobei allerdings in der Politik zum Scheitern verurteilt ist, wer dauerhaft nur Solist sein will, ein Instrumentalsolist hingegen nicht. Auch Politik verlangt bisweilen Solistentum, wenn Führung gefragt ist, bei unpopulären Entscheidungen zumal. Aber „Hausmacht“ und damit nachhaltiges politisches Wirken entsteht nur durch gutes Arbeiten in und mit seiner Gruppe.
Und der musikalische Solist beim Instrumentalkonzert? Ja, man nennt “ ihn“ oder „sie“ „Solist“, etwa in einem „Konzert für Klavier und Orchester“, wie es z.B. innerhalb der Gattung “ Instrumentalkonzert“ heißen kann. Mag man auch der Auffassung sein, dass das Orchester den Solisten nur zu „begleiten“ habe: Der interpretatorischen Freiheit des Solisten sind hier Grenzen gesetzt, die sich in der Unterordnung unter den Dirigenten manifestieren. Der „reine“ Solist kann dem nur entgehen, indem er sein Repertoire auf pure Solowerke zurechtstutzt – ein Ausweg, der dem „Solisten“ in einer parlamentarischen Demokratie (gottseidank) verstellt ist.

Soviel über zwei Welten. Es ist wunderbar, in beiden eine Heimat zu haben…

P.S.: Als weiterführende Urlaubslektüre empfehle ich Max Webers „Politik als Beruf“ sowie Alfred Brendels „Nachdenken über Musik“.

Dr. Peter Ramsauer über Bayreuth Oper

Bundesminister Dr. Peter Ramsauer, MdB
Gastbeitrag, 08. August 2013
www.peter-ramsauer.de

Weiterlesen: Dr. Peter Ramsauer – Meine Top 10

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